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Die Geschichte der finnische Sprache

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Die Verbreitung der finnisch-ugrischen Völker ausser Ungarn, nach B. Collinder.

Der Artikel stützt sich auf U. Groenke, Das Finnische. Eine finnougrische Sprache, Finnische Botschaft (Hrsg.) Bonn (1985) und B. Collinder, Finnisch als Kultursprache (Schriften aus dem Finnland-Institut in Köln Nr. 4), von der Ropp, Hamburg (1965). Eine Fortsetzung in der nächsten Mitteilungen-Ausgabe befasst sich mit der Finnischen Grammatik. Hiermit soll das Wirken von Prof. Groenke innerhalb der Fennistik gewürdigt werden.

 

Das Finnische gehört der Finnougrischen Sprachfamilie an. Sie ist verwandt mit den samojedischen Sprachen und bildet mit ihnen die Uralische Sprachfamilie. Einen „Urzustand“, den die Sprachwissenschaft nur rekonstruktiv erschließen kann, setzt man grob um die Zeit vor 4000 v.Ch. und im Raum zwischen Ural und Wolga an. Eine weitergehende Verwandtschaft mit den eurasischen Altaisprachen ist nie bewiesen worden und bisher reine Spekulation. Unbestritten ist die Spaltung des Protouralischen in einen Samojedischen und einen Finnougrischen Zweig nach 4000 v.Chr. Von da an entwickeln sich beide getrennt.

 

Im Laufe der Jahrtausende zerfällt auch die angenommene finnougrische Spracheinheit.
Die Ausgliederungsvorgänge (wiederum ohne Präzisierung nach Raum und Zeit) führen zu
den Untergruppen eines Ugrischen (Endresultat das Ungarische und die Obugrischen
Sprachen (Ostjakisch/Chanti und Wogulisch/ Mansi), eines Permischen (Endresultat Syrjänisch/Komi und Wotjakisch/ Udmurt), eines Wolgaischen (Endresultat Mordvinisch und Tscheremissisch/Mari) sowie eines Finnosamischen (früher Lappofinnisch genannt), das sich in das Samische und das Ostseefinnische verzweigt (s.u. Karte von B. Collinder).

 

Die zahlenmäßig stärksten finno-ugrischen Sprachgemeinschaften – Finnen und Ungarn – finden sich im östlichen Nord- und Mitteleuropa, also weit entfernt von ihren Sprachverwandten und getrennt durch zahlreiche andere Sprachvölker. Dabei ist der genetische Abstand zwischen Finnisch und Ungarisch der größte innerhalb des Finnougrischen. Die bisweilen geäußerte Ansicht, Finnen und Ungarn könnten sich leicht verständigen, ist zurückzuweisen. Die dem Ungarischen nächststehenden Sprachen werden von Völkern östlich des Ural gesprochen, die auch kein Wort Ungarisch verstehen. Es gibt nur eine Handvoll Wörter, die auf Anhieb Verwandtschaft erkennen lassen wie z.B. fi. vesi = ung. vez „Wasser“ oder fi. käsi = ung. kez „Hand“, vielleicht noch fi. lintu „Vogel“, was dem ung. lúd „Gans“ entspricht.

 

Dass aber fi. pata „Topf“ und ung. fazék, fi. kolme „drei“ und ung. három bzw. fi. syksy „Herbst“ und ung. ösz übereinstimmen, ist nur mit sprachwissenschaftlichen Mitteln zu erschließen. Ugra ist eine alte russische Bezeichnung für den nordwestlichen Teil von Sibirien, wo Ostjaken und Wogulen wohnen. Von dort sind die Vorfahren der Ungarn im 5. Jahrhundert in das Kubangebiet nördlich vom Kaukasus eingewandert. Der Wortstamm Ugr- in Ugra entspricht etymologisch Ungar. Es ist ursprünglich ein türkisches Wort und bedeutete „die zehn Stämme“.

Ethnische Unterschiede

Die Finnen dagegen haben direkte Nachbarn, die dem Finnischen sehr ähnliche Sprachen sprechen, die Esten auf der Südseite des Finnischen Meerbusens, die Karelier im Osten vom Ladogasee und Onegasee bis ans Weisse Meer hinauf. Am äußersten Süden des karelischen Sprachgebiets wird von ca. 16000 Personen das Wepsische gesprochen, südlich von St. Petersburg gibt es noch einige Sprecher des Wotischen, an der Nordspitze Kurlands etwa 300 Sprecher des Livischen. Wotisch und Livisch sind aussterbende Sprachen. Alle diese nah verwandten Sprachen werden unter dem Sammelbegriff Ostseefinnisch zusammengefasst.

 

Die Samen/Lappen finden sich in einem riesigen Gebiet von Mittelschweden, über Nordnorwegen, Nordfinnland bis auf die Kola-Halbinsel verstreut, sprachlich stark differenziert und in einem entfernten Verwandtschafts-verhältnis zum Ostseefinnischen. Finnisch und Samisch sind  gegenseitig wenig verständlich. Es genügt festzustellen, dass Samisch zu den finnischen Sprachen im allerweitesten Sinn gehört und enger mit den wolgaischen als mit den permischen Sprachen zusammenhängt.

 

Nicht erklärbar ist indessen, wieso die Träger des Ostseefinnischen und Samischen zwar verwandt sind, sich jedoch rassisch und ethnisch so auffallend unterscheiden, während sich etwa die Finnen von anderen Skandinaviern und von Balten, also Träger von nicht verwandten Sprachen, kaum unterscheiden. Alle heutigen finnougrischen Sprechergemeinschaften sind von Anthropologen und Genforschern nach Rasse und genetischer Abkunft ‚vermessen‘ und kategorisiert worden. Danach zählen die Samen zu einem „laponoiden, suburalischen“ Typus, die Finnen und Esten in den westlichen Teilen ihrer Wohngebiete zu einer „mitteleuropäischen Rasse“ und in den östlichen zu einer „Weissmeer-baltischen Rasse“.

 

Wörter, die in allen bzw. mehreren Sprachen vorkommen, können ein Licht auf Fragen
nach Herkunft, Wanderwegen und Stationen der Sprachträger werfen. So wird bruchstückhaft ein uralischer Urwortschatz greifbar. Im Finnischen finden sich dazu Reflexe wie suksi „Schneeschuh, Ski“, soutaa „rudern“, punoa „flechten“ und mehr. Reichhaltiger ist die Ausbeute an jüngeren, frühfinnougrischen Erbwörtern, die etwas das Dasein und die materielle Kultur der steinzeitlichen Urahnen der Finnen aussagen. Familien-und Sippenbande müssen in der damaligen primitiven Gesellschaft eine zentrale Rolle gespielt haben. Dies bezeugt der z.T. erhaltene Erbwortschatz an Verwandtschafts-beziehungen im Finnischen und anderen finnougrischen Sprachen. Im krassen Gegensatz dazu steht das Fehlen eines gleichen Vokabulars einer höheren Gesellschaftsorganisation. Vielleicht gab es sie nicht, wohl aber die Institution des Schamanen, der in dem finnischen Wort noita „Zauberer“ fortlebt.

Lehnwörter

Von besonderem Wert sind Wörter, die von den finnougrischen Völkern aus nicht verwandten Sprachen entlehnt wurden. Zu den ältesten Lehnwörtern, die ins Finnische Eingang gefunden haben, gehören porsas „Schwein“, mesi „Honig“ und mehiläinen „Biene“. Sie sind indoiranischer Herkunft. Dem Zeugnis früher germanischer und baltischer Lehnwörter im Finnischen (wie in anderen ostseefinnischen Sprachen) kommt große Bedeutung zu. Unter Baltisch ist Lettisch und Litauisch sowie das bis zu seinem Aussterben im 18. Jahrhundert schriftlich überlieferte (Alt-)Preussische zu verstehen. Insbesondere das ‚maritime‘ Vokabular ist z.T. Baltischer Herkunft und im Finnischen z.B. als meri „Meer“, lohi „Lachs“, ankerias „Aal“, laiva „Schiff“ reflektiert.

 

Die ältesten im Finnischen bewahrten germanischen Lehnwörter bezeugen eine enge Berührung mit den Germanen, vor allem mit den Goten. Es ist offenbar, dass Teile jener finnougrischen Bevölkerung weiter nach Norden vorgerückt, sesshaft geworden sind und ihren sprachlichen ‚Endzustand‘ erreicht haben. Nun hat die Lehnwortforschung aber zu dem Resultat geführt, dass die älteste germanische Lehnwortschicht keineswegs jünger ist als die baltische und der sprachliche Kontakt zwischen Urfinnen und Germanen nicht im Baltikum stattgefunden haben kann, sondern am gegenüberliegenden Ufer des Finnischen Meerbusens, zeitlich in der Bronzezeit.

 

Es muss einen Vorstoß von finnougrischen Sprachträgern nach Südwestfinnland gegeben haben, bevor Nachrückende in einer zweiten Welle über den Finnischen Meerbusen und die östlichen Landbrücken nach Finnland und Karelien drangen. Der Beginn der eigentlichen Geschichte des Finnischen ist daher in der Bronzezeit anzusetzen, etwa 1500 – 1000 v.Chr. Einige germanische Lehnwörter sind leicht zu identifizieren, so z.B. rikas „reich“, lammas „Lamm, Schaf“, pelto „Feld“, rengas „Ring“, weil die lautliche Entsprechung auffällt.

 

Schwieriger wird es schon bei Wörtern wie kaura „Hafer“, kaunis < got. skauneis > dt.
„schön“. Ein Gegensatzpaar bilden dt. „(gehopftes) Bier„ und engl. ale (< altengl. ealu)
„ungehopftes Bier“, das über schwed. öl im Fi. als Pluralwort olut allgemein Bier bezeichnet. Äiti „Mutter“ ist direkt vom Got. entlehnt. Als König Erik den ersten schwedischen Kreuzzug im 12. Jahrhundert unternahm, konkurrierte bereits der römisch-katholische mit dem orthodoxen Glauben. Von frühen russischen Bekehrungsversuchen zeugen Lehnwörter wie pakana „Heide“, risti „Kreuz“, pappi „Priester“. Das Estnische ramat „Bibel“ (aus griech. grammatike) wurde im Fi. zu raamattu.

 

Nachdem Finnland dem schwedischen Reich einverleibt war, drang eine große Menge von
schwedischen Lehnwörtern ins Finnische wie kuppi schwed. kopp „Tasse“, ranta „Strand“,
silli schwed. sill „Hering“, seteli schwed. sedel „Banknote“ (eigentl. „Zettel“) oder kyyti altschwed. skjut „Fahrgelegenheit mit Pferd“. Insgesamt sind einige tausend Wörter durch das Schwedische ins Finnische eingegangen, neben lateinischen und griechischen Ausdrücken aus der Gelehrtensprache. Die Lehnwortforschung findet im Bereich des Ostseefinnischen ein reiches Betätigungsfeld. Der Weg zur Schriftsprache dauerte für das Finnische lang und war nicht leicht, da die feudale Herrenmacht im mittelalterlichen schwedischen Bauernreich nicht an eine sprachliche Gleichberechtigung dachte.

 

Finnisch wurde in einem zusammenhängenden Gebiet gesprochen, das etwa ein Drittel des schwedischen Reiches umfasste. In einer ganzheitlichen Bauern- und Hirtenkultur eingebaut, haben die finnischen Volksdialekte stets ihre bodenständige Frische behalten. Das Neue Testament, von Mikael Agricola übersetzt, erschien gedruckt 1548 und die ganze Bibel 1642. Schließlich mussten die Finnen um ihres Seelenheils willen das Gotteswort in finnischer Sprache lesen oder wenigstens hören können. Auf juristischem Gebiet musste ebenfalls Klarheit herrschen. So erschien das Reichsgesetzbuch von 1734, aber 25 Jahre später, auch in finnischer Sprache.

Finnisch gewinnt an Bedeutung

Immer wieder setzten sich Persönlichkeiten für eine Sprachpflege des Finnischen ein. Generalgouvernör Per Brahe gründete 1640 die erste finnische Universität, Abo Akademie. Der Dichter und Humanist Georg Stiernhelm nahm als erster einen Sprachvergleich vor zwischen Ungarisch und Finnisch sowie Estnisch und Lappisch. Eskil Petraeus, Professor an der Turkuer Universität 1640-1652, danach Bischof von Turku, schrieb mit zwei finnischen Theologen die erste finnische Grammatik, Linguae Finnicae brevis instituto (1649). Es gab sogar von Seiten der Obrigkeit Pläne, Finnisch zur zweiten Nationalsprache des Reiches zu machen, wurden aber nie verwirklicht.

 

Der Große Nordische Krieg 1700 – 1721 bedeutete einen tiefen Einschnitt in der Geschichte Finnlands. Die schwedische Flotte wurde 1714 vor Hanko besiegt, die schwedische Armee in der Schlacht von Isokyrö vernichtet. Finnland fiel bis 1721 an Russland, wurde dann im Frieden von Nystad/Uusikaupunki an Schweden zurückgegeben, das seine Besitzungen im Baltikum und Südkarelien verlor. Diese Zeit der russischen Besatzung von 1713 – 1721 wird als die Zeit des Großen Unfriedens bezeichnet. Viele Finnen der Oberschicht und Staatsbeamte flohen nach Schweden. Als sie nach Finnland zurückkehrten, waren sie sprachlich entwurzelt, Schweden an ihre Stelle getreten. Hinzu kamen zunehmend Ehen von Menschen mit schwedischer und finnischer Muttersprache, die Kinder wurden der Sprache nach Schweden.

 

Auch wurde die Herrschaft des Lateinischen gebrochen. Die erste schwedische Doktorarbeit konnte 1749 verfasst werden (die erste in Finnisch erst über hundert Jahre später). Die ganze Oberschicht nahm die schwedische Sprache an, sie wurde in den gelehrten Schulen alleinherrschend. Ohne Schwedisch zu verstehen, konnte man nicht ins Gymnasium aufgenommen werden. 1808 begann Russland den sog. Finnischen Krieg. Im Frieden von Fredrikshamn/Hamina musste Schweden große Gebiete abtreten, 1815 fiel ganz Finnland als Folge des Wiener Kongresses und der Neuordnung Europas an Russland, behielt aber weitgehend Autonomie und Schwedisch als Landessprache. Noch war das Finnische nicht genügend ausgebildet, um die Funktionen einer modernen Kultursprache auszuüben.

Kampf um die Muttersprache

Es gab jedoch schon Männer, die der Ansicht waren, dass die innere Selbständigkeit eines Landes auf unfreiem Boden stände, solange diejenige Sprache, die von sieben Achtel der Bevölkerung gesprochen wurde und ihre nationale Eigenart ausdrückte, aus dem öffentlichen Leben verbannt war. Sie sahen eine Gefahr darin, dass die Oberschicht und die große Mehrzahl des Volkes verschiedene Sprachen sprachen. Vorläufer solcher Bestrebungen waren vor allem Daniel Juslenius, ein finnischer Patriot, dessen Begeisterung für die finnische Sprache sich ein Denkmal schuf in seinem Finnisch-lateinischschwedischen Wörterbuch (1745), das für zwei Generationen die Hauptquelle für die Kenntnis des finnischen Wortschatzes war.

 

Weit übertroffen wurde es von Kristfrid Gananders 1787 vollendetem Finnischschwedischem Wörterbuch. Er veröffentlichte 1789 eine schwedisch geschriebene Mythologia Fennica, die später auch in deutscher Bearbeitung erschien. Seine Veröffentlichungen scheinen dazu beigetragen zu haben, dass in Elias Lönnrot (1802-1884) die Idee zur Konzeption des Kalevala erwuchs. Der Turkuer Professor Henrik Gabriel Porthan (1739-1804) begründete die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte Finnlands, die sich auch auf die finnische Sprache (obwohl er nicht in ihr schrieb), ihre Mundarten, die alte finnische Volksdichtung sowie die vorgeschichtliche Kultur erstreckte. Er wurde ein Vorläufer der sog. linguistischen Paläontologie des 19. Jahrhunderts. Der Kreis um Porthan ist unter dem Sammelnamen Fennophilen bekannt.

 

Diejenigen aktiven Freunde der finnischen Sache, die für sie nach 1809 eintraten, erhielten den Namen Fennomanen. Zuerst war damit keine antischwedische Einstellung verbunden. Die schwedischen Romantiker hießen ohne Bedenken das Programm der ersten Fennomanen gut. Zu dieser Zeit hatte die Nationalitätsidee noch nicht die öffentlichen Meinung in den skandinavischen Ländern erobert. Der Adel als Klasse stand ihr fremd gegenüber, bei den Bauern war sie kaum angekommen. Die Romantiker waren ihre Wegbereiter und verstanden einander. Finnentum und Schwedentum waren keine sich ausschließende Gegensätze.

Finnisch setzt sich durch

Das änderte sich durch Johan Vilhelm Snellman (1806-1881), Gymnasialdirektor, später Professor der Philosophie in Helsinki, zuletzt Finanzminister im finnischen Senat. Geboren in Stockholm, kam er als Siebenjähriger mit Schwedisch als Muttersprache nach Finnland. Er war der Ansicht, die Muttersprache sei für den einzelnen Bürger ein Rechtssubjekt und Nationalität und Vaterland gehöre unauflöslich zusammen. Als Hegelianer vertrat Snellmann die Auffassung, eine normale Nation konstituiere einen Staat und ein normaler Staat habe eine Sprache. Niemand hat eindringlicher dargestellt, wie schädlich es sei, dass die finnische Sprache vernachlässigt und zurückgesetzt werde, und niemand hat mehr getan, um die Hindernisse zu beseitigen, die dem Durchbruch des Finnischen und dem Aufblühen einer finnischen Nationalliteratur im Wege standen. 1851 wurde eine Professur der finnischen Sprache und Literatur gegründet, 1852 die erste finnisch geschriebene Dissertation an der Universität vorgelegt, 1858 die erste höhere Schule mit finnischer Unterrichtssprache eröffnet.

 

Es gab unter den Studenten in Helsinki aber auch patriotische Enthusiasten, welche die schwedische Sprache ausrotten wollten. Dies rief später eine schwedische Nationalitätsbewegung in Finnland hervor. Die schwedisch sprechende Landbevölkerung fühlte sich nicht so mit ihren finnisch sprechenden Landsleuten solidarisch und waren nicht geneigt, Finnisch zu lernen und schwedischsprachige Studenten verspürten wenig Begeisterung, finnisiert zu werden. Die Doktrin Snellmans hatte zur Folge, dass sich zur Fennomanie eine konträre, streitbare Svecomanie herausbildete. Die sich sogar befruchtend auf die zeitgenössische schwedische Literatur Finnlands auswirkte. Der Kampf zwischen Fennomanie und Svecomanie entwickelte sich aus einem Sprachenstreit zu einem Nationalitätenkampf, der (nach Collinder) erst um 1940 abflaute. Die Extreme, die sich in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekämpften, sind unter den Namen Echtfinnentum, finn. Aitosuomalaisuus, schwed. äktfinskhet sowie Ostschwedentum, finn. itäruotsalaisuus, schwed. äktsvenkhet bekannt.

Die Sprachgesetzgebung

Auch die Gesetzgebung ebnete dem Finnischen den Weg. 1851 wurde vorgeschrieben, dass an einem Ort, wo allgemein Finnisch gesprochen wurde, kein dem Finnischen Unkundiger zum Richteramt vorgeschlagen werden dürfe, und nach 1856 jeder, der dort als Staatsbeamter angestellt werden wollte, ein schriftliches Zeugnis vorzulegen habe, dass er sich mündlich im Finnischen auszudrücken vermochte. 1856 schrieb man sogar vor, Übersetzer an den Provinzialregierungen anzustellen, die deren Bekanntmachungen sowie eingereichte Eingaben, Protokolle und sonstige Akten auf Wunsch in Finnisch zu verfassen hatten.

 

Der endgültige Durchbruch kam 1863 durch eine kaiserliche Verordnung: „Obschon Schwedisch die offizielle Sprache des Landes bleibt, sei die finnische Sprache fürderhin mit der schwedischen gleichgestellt in allen Angelegenheiten, die die eigentlich finnische Bevölkerung unmittelbar berühren.“ 1865 wurde verordnet, man solle von angehenden Professoren in den theologischen und juristischen Fakultäten die vollständige Kenntnis des Finnischen verlangen. Gleichzeitig verpflichtete man die Behörden und Gerichtshöfe, für finnischsprachige Parteien Entscheidungen und Urteile auszufertigen. Mit Schwedisch völlig gleichgestellt wurde die finnische Sprache erst 1902. Damals gab es in den höheren Schulen und an der Universität schon mehr finnisch als schwedisch sprechende Zöglinge.

 

Nachdem Finnland 1917 seine Selbstständigkeit erreicht hatte, wurde die Sprachenfrage durch zwei Gesetze geregelt: das sog. Sprachengesetz sowie das Gesetz von den Sprachkenntnissen der Beamten. Man wandte zwei Prinzipien an, das Territorialprinzip verpflichtet jeden, der in ein anderssprachiges Gebiet übersiedelt, die Sprache seiner neuen Heimat zu erlernen. Das Individualprinzip besagt, dass der Staat und die Gemeinde den einzelnen Bürger in seiner Muttersprache bedienen muss. In den zweisprachigen Gebieten muss eine Behörde den Umgang mit einem Staatsbürger in dessen eigener Sprache pflegen, also das Individualprinzip gelten lassen, nicht aber (zur Entlastung der Gemeinde), wenn die Minderheit weniger als ein Drittel ausmacht. Übersetzungen von Beschlüssen oder Schriftstücke kann man überall bekommen. Die ganze Sprachgesetzgebung basiert auf dem Gedanken, dass beide Sprachen gleichberechtigt
sind. In der Verfassung ist deshalb ausgedrückt, dass Finnisch und Schwedisch die Nationalsprachen der Republik sind.

 

Samisch, das von ca. 2500 Staatsbürgern gesprochen wird, ist dagegen eine Minoritätssprache. Das Sprachgesetz von 1992 gab den samischen Sprachen in Finnland einen offiziellen Status in ihrem Stammgebiet, das sind die Gemeinden Enontekiö, Inari, Utsjoki und der Nordteil von Sodankylä. In ihnen ist Nordsamisch anerkannt, in Inari auch Inarisamisch und Skoltsamisch. Inari ist die einzige viersprachige Gemeinde in Finnland. Die Samen haben das Recht, ihre Sprache bei Behörden, in Krankenhäusern und auf Bekanntmachungen zu verwenden. In einigen Gebieten ist Nordsamisch in Schulen die erstrangige Sprache. Das wichtigste Zugeständnis an das Individualprinzip liegt darin, dass alle Staatsbeamten mit akademischer oder entsprechender Ausbildung Schwedisch und Finnisch verstehen müssen. Das Gesetz kennt auf dem Gebiet der Sprachkenntnis Gebiet sieben Stufen zwischen vollständiger Beherrschung und bloßem Verstehen. Durch seine auf Ebenbürtigkeit fußende Sprachgesetzgebung nimmt Finnland neben der Schweiz eine Sonderstellung in der Welt ein.

Der Durchbruch des Finnischen

Lönnrots Kalevala ist für das nationale Erwachen sowie für die finnische Kunst und Literatur bedeutsam gewesen. In der Pflege der finnischen Sprache hat das Kalevala eine neue Epoche eingeleitet. Eine so lebendige, farbenreiche, ausdrucksvolle und erdnahe Sprache war bisher nicht geschrieben und von vielen nicht erwartet worden. Die finnische Literatur, die hier nur gestreift werden kann, wurde dann durch Alexis Kivi ‚volljährig‘, und durch Juhani Aho in der Prosa und in der Lyrik durch Eino Leino sowie Otto Manninen sozusagen vervollkommnet, wie Collinder es ausdrückt. Elias Lönnrot, der im Alter Schwedisch als Haussprache verwendete, war der Ansicht, dass die schwedische Sprache im Vergleich zur finnischen so dürftig und farblos sei, dass es ganz unmöglich wäre, dem schwedischen Publikum eine Vorstellung von den ästhetischen Werten zu geben welche die finnische Volksdichtung besitzt. Vielleicht hatte er recht. (Text: Dr. Hartmut Krug)